Die Health-Claims-Verordnung (HCVO), die 2006 von den EU-Verbraucherschutzministern verabschiedet wurde, soll die Verbraucher vor allzu großen gesundheitsbezogenen Versprechen der Unternehmen schützen.

Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) nimmt die Werbebotschaften der Unternehmen unter die Lupe und entscheidet, welche gesundheitsbezogenen Aussagen zutreffend und somit zulässig sind.

Grundlage für die individuelle Prüfung ist ein Antrag des Lebensmittelherstellers für den Claim sowie ein wissenschaftlicher Nachweis über die gesundheitliche Wirksamkeit des Produktes.
Von den ersten 523 geprüften Slogans mit gesundheitsbezogener Aussage sind ca. zwei Drittel abgelehnt worden. Lebensmittelproduzenten müssen sich also bestmöglich vorbereiten, bevor sie einen Claim einreichen. Zu den Chancen und Herausforderungen durch die HCVO haben wir mit Marion Fürst, Director External Communication, Science and Nutrition bei der DANONE GmbH gesprochen.

1. Frau Fürst, wie sehen Sie den Nutzen der HCVO für den Verbraucher?

Die Idee der Health Claims Verordnung – eine klare Auslobung von nachgewiesenen Gesundheitsnutzen – hat für die Verbraucher den Vorteil, dass sie transparente und verlässliche Informationen ermöglicht. Letztendlich wird so auch das Vertrauen der Verbraucher in die Produkte und Gesundheitsaussagen gestärkt.

2. Was macht Danone, um der HCVO gerecht zu werden?

Wir bei Danone sind davon überzeugt, dass Lebensmittel und Ernährung entscheidend für die Förderung und Erhaltung der Gesundheit und des Wohlbefindens sind. Dementsprechend intensiv forschen wir zu unseren Produkten. Außerdem haben wir uns selbst dazu verpflichtet, nur gesundheitsbezogene Aussagen zu treffen, die auch durch wissenschaftliche Studien mit dem Produkt am Menschen belegt sind. Actimel ist hier ein gutes Beispiel: Der Einführung gingen zehn Jahre Forschung und Entwicklung voraus. Heute gibt es weit über 30 wissenschaftliche Studien, die die positive Wirkung bestätigen.
Insofern ist die HCVO eine weitere Validierung, also ein regulatorischer Prozess, wie auch Genehmigungen von Claims auf Länderebene, z.B. früher durch die AFSSA in Frankreich.

3. Wo liegen dann aber die Schwierigkeiten bei der HCVO? Welche Verbesserungen beim Prüfverfahren der Health Claims wünschen Sie sich von der EFSA?

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass wir die Ziele der HCVO und die Arbeit der EFSA grundsätzlich unterstützen. Es ist ein neues und komplexes Verfahren, dass sich erst einspielen muss. Eines der größten Probleme in der Umsetzung ist, dass bis heute Unklarheit besteht, welche Kriterien die EFSA bei Beurteilung der Claimanträge anwendet. Es gibt eine Diskrepanz zwischen den im Vorfeld genannten Anforderungen und der letztendlich bei der Bewertung durch die EFSA zugrunde gelegten Kriterien. Das ist auch der Grund, warum wir unsere Anträge nach Artikel 13.5. für Actimel und Activia zurückgezogen haben.

Die EFSA wird in den nächsten Monaten Workshops zu Bewertungskriterien und Anforde-rungen veranstalten, z.B. am 2. Dezember zu Darm- und Immunsystem. Ein Zeichen, dass sie sich der Schwierigkeiten bewusst ist. Wir hoffen, dass diese Workshops für alle Beteiligten Klarheit bringen und werden dann über entsprechend angepasste Anträge entscheiden.
Neben der Klarheit bei den Beurteilungskriterien wünschen wir uns mehr direkten Dialog zwischen der EFSA und den Antragstellern. Das „Stop-the-Clock“-Verfahren ist ein erster Schritt. Und vor allem ist uns wichtig, dass die Bewertung den Besonderheiten von Nah-rungsmitteln gerecht wird.

4. Wie beeinflusst die HCVO die Kommunikation der Marken von Danone?

Bei bereits genehmigten Claims loben wir es entsprechend aus: z.B. „Cholesterin senkende Wirkung“ bei Danacol und „Calcium und Vitamin-D für das Knochenwachstum“ bei Fruchtzwerge.
Bei Actimel und Activia stehen wir zu unseren Produktversprechen und loben die nachgewiesenen gesundheitlichen Vorteile weiterhin aus.

5. Wie stehen Sie zu den Nährwertprofilen?

Aus unserer Sicht sollten nur solche Produkte einen Health Claim tragen, die auch ein ausgewogenes Nährwertprofil haben. Diesen Anspruch hat Danone auch an sich selbst: Wir loben gesundheitsbezogene Angaben nur aus, wenn ein Produkt bestimmte Nährwertgrenzen nicht überschreitet. Zur Berechnung verwenden wir derzeit mangels offizieller Empfehlungen den Foodprofiler. Unser Dessert „Dany Sahne“ wäre zum Beispiel kein Kandidat für einen Claim, während „Fruchtzwerge Classic“ geeignet sind. Mit 12,8g Zucker/100g und 2,9g Fett/100g haben sie sogar weniger Kohlenhydrate und Fett als ein durchschnittlicher Fruchtjoghurt, was kaum jemand weiß.

6. Die wissenschaftliche Analyse um einen Nachweis der Werbebotschaft zu bringen, ist sehr aufwändig und teuer. Rechnet sich dieser Aufwand noch?

Ich denke, das ist auch eine Frage des Selbstverständnisses. Wir forschen seit jeher sehr in-tensiv, weil wir glauben, dass Lebensmittel und Ernährung einen Einfluss auf die Gesundheit haben. Und weil wir es uns zum Ziel gesetzt haben, Produkte mit sinnvollem, wissenschaftlich nachgewiesenem gesundheitlichen Nutzen zu entwickeln.
Die EFSA ist nicht der Grund für unsere Forschungsanstrengungen. Wir werden weiter inves-tieren – aktuell sind es ca. 200 Mio. Euro jährlich für unser Forschungszentrum mit 1.200 Mitarbeitern sowie Kooperationen mit ca. 200 Universitäten und wissenschaftlichen Instituten weltweit. Und wir werden weiterhin den Nutzen unserer Produkte mit entsprechenden Studien belegen.

7. Wenn Danone den aufwändigen Nachweis für ein Produkt erbringt, könnten dann nicht andere Hersteller mit „Nachahmer“-Produkten kostengünstig nachziehen?

Bei probiotischen Bakterien sind die Wirkungen stammspezifisch, das heißt Studienergebnisse sind nicht auf andere Produkte übertragbar. Nachahmer-Produkte sind hier also kein Thema.
In der Tat stehen Unternehmen aber vor einem Dilemma: Einerseits sind ihre Forschungsergebnisse vertraulich. Andererseits sind sie nötig, um die Wirksamkeit ihrer Produkte in den Health Claim-Anträgen zu belegen. Bisher haben die EU-Verordnungen darauf noch keine Antwort gefunden.